UEG-Forschungspreis fördert Entwicklung einer neuen Therapie für chronische Darmentzündungen

Der europäische Gastroenterologie-Dachverband vergibt seinen prestigeträchtigen Forschungspreis dieses Jahr an Professor Stefan Schreiber, um die Erforschung des Wirkmechanismus von Nicotinamid bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu fördern.

Der Dachverband der europäischen Fachgesellschaften für Gastroenterologie „United European Gastroenterology“ (UEG) verleiht Professor Stefan Schreiber, Sprecher des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI), den renommierten UEG-Forschungspreis 2020. Die UEG fördert mit dieser Auszeichnung Schreibers Forschungsprojekt zur Untersuchung von Wirkmechanismen von Nicotinamid bei Menschen mit chronischen Darmentzündungen mit 100.000 Euro. Die Preisverleihung fand am Sonntag, den 11. Oktober, im Rahmen des virtuellen Kongresses „UEG Week Virtual 2020“ statt.  Mit der Förderung will Schreiber, Direktor des Instituts für klinische Molekularbiologie (IKMB) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, die wesentlichen Schritte unternehmen, um eine neue Basistherapie für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen zu entwickeln.

Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa leiden unter häufigem Durchfall, Fieber und Schmerzen, sowie psychischen Belastungen. Bei ihnen führt eine gestörte Immunantwort zu einer chronischen Entzündung des Magen-Darm-Trakts, die in Schüben immer wieder aufflammt. Schreiber hatte mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Exzellenzcluster in vorangegangenen Untersuchungen gezeigt, dass ein Mangel der Aminosäure Tryptophan und seiner Stoffwechselprodukte wie Nicotinamid (eine Form des Vitamins B3) bei Mäusen Darmentzündungen begünstigte und dass Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ebenfalls oft an Tryptophanmangel leiden - dadurch, dass das Tryptophan durch die Erkrankung abgebaut wird. Im Tiermodell kann die gezielte Gabe von Nicotinamid die Darmentzündung mindern, wenn es durch eine spezielle Verkapslung erst im Dickdarm freigesetzt wird.

Nun wollen Schreiber und seine Kolleginnen und Kollegen untersuchen, ob sich diese Beobachtungen auf den Menschen übertragen lassen und auch hier Nicotinamid die Entzündung mindern und weitere Schübe verhindern kann. Dazu soll in Kürze eine klinische Studie starten, in der die Wirksamkeit von Nicotinamid bei Patientinnen und Patienten mit Colitis ulcerosa untersucht werden soll. Begleitend zu dieser klinischen Studie möchte Schreiber mit dem durch den UEG Forschungspreis geförderten Projekt die Mechanismen genauer untersuchen, die bei der Gabe des Nicotinamids bei chronischen Darmentzündungen wirken.

„Das besondere an Nicotinamid als potentielles Medikament bei chronischen Darmentzündungen ist, dass es bereits als Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt wird und sich dort als unbedenklich und nebenwirkungsfrei bewährt hat“, sagt Schreiber. „Gleichzeitig ist es besonders günstig herzustellen, insbesondere im Vergleich zu bisher verfügbaren Therapieoptionen bei chronischen Darmentzündungen“, so Schreiber weiter.

Doch in der Form, in der Nicotinamid bisher als Nahrungsergänzungsmittel oder über die Nahrung eingenommen wird, eignet es sich nicht für den Einsatz gegen Darmentzündungen, da hier der Wirkstoff bereits im Magen und oberen Dünndarm vom Körper aufgenommen wird. Die Entzündung befindet sich bei Colitis ulcerosa jedoch im Dickdarm und bei Morbus Crohn im unteren Dünndarm oder Dickdarm. Schreiber und seine Kolleginnen und Kollegen haben daher eine Tablette entwickelt, aus der das Nicotinamid erst verzögert im unteren Dünndarm sowie im Dickdarm freigesetzt wird –  also dort, wo sich die Entzündung und auch die meisten Darmbakterien befinden, denen die Forschenden des Exzellenzclusters PMI eine wichtige Rolle bei der Entzündung zuschreiben.

„Ich freue mich sehr über den UEG-Forschungspreis. Er unterstützt uns bei unserem Bestreben, die langjährige Forschung des Exzellenzclusters PMI zum Einfluss von Nicotinamid bei chronischen Darmentzündungen in die klinische Anwendung zu bringen“, sagt Schreiber. „Wenn wir genauer verstehen, über welche Mechanismen das Nicotinamid wirkt, können wir zukünftig beispielweise besser vorhersagen, bei welchen Patientinnen und Patienten die Gabe des Mittels besonders vielversprechend ist. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung einer Präzisionsmedizin, also einer gezielteren, individuelleren Medizin“, so Schreiber weiter.

Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Schreiber
Klinik für Innere Medizin I, UKSH
Institut für Klinische Molekularbiologie, CAU Kiel, UKSH
0431/500-15101
s.schreiber@mucosa.de

Portraitfoto
© J. Haacks, Uni Kiel

Prof. Dr. Stefan Schreiber, Sprecher des Exzellenzclusters PMI, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie, CAU und UKSH, und Direktor der Klinik für Innere Medizin I, UKSH, Campus Kiel.

Über den Exzellencluster PMI

Der Exzellenzcluster „Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen/Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) wird von 2019 bis 2025 durch die Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gefördert (ExStra). Er folgt auf den Cluster Entzündungsforschung „Inflammation at Interfaces“, der bereits in zwei Förderperioden der Exzellenzinitiative (2007-2018) erfolgreich war. An dem neuen Verbund sind rund 300 Mitglieder in acht Trägereinrichtungen an vier Standorten beteiligt: Kiel (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Muthesius Kunsthochschule, Institut für Weltwirtschaft und Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Lübeck (Universität zu Lübeck, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein), Plön (Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie) und Borstel (Forschungszentrum Borstel - Leibniz Lungenzentrum).

Ziel ist es, die vielfältigen Forschungsansätze zu chronisch entzündlichen Erkrankungen von Barriereorganen in ihrer Interdisziplinarität verstärkt in die Krankenversorgung zu übertragen und die Erfüllung bisher unbefriedigter Bedürfnisse von Erkrankten voranzutreiben. Drei Punkte sind im Zusammenhang mit einer erfolgreichen Behandlung wichtig und stehen daher im Zentrum der Forschung von PMI: die Früherkennung von chronisch entzündlichen Krankheiten, die Vorhersage von Krankheitsverlauf und Komplikationen und die Vorhersage des individuellen Therapieansprechens.

Pressekontakt:

Frederike Buhse
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Exzellenzcluster PMI

Exzellenzcluster „Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen“
Wissenschaftliche Geschäftsstelle
Leitung: Dr. habil. Susanne Holstein
Christian-Albrechts-Platz 4, D-24118 Kiel
Sonja Petermann
0431/880-4850, Telefax: 0431/880-4894
spetermann@uv.uni-kiel.de
Twitter: PMI @medinflame