Testosterontherapie ohne dokumentierten Hormonmangel mit erhöhtem langfristigem Herz-Kreislauf-Risiko assoziiert: Ergebnisse einer globalen Realwelt-Studie mit über 350.000 Männern

Lübeck / Frankfurt / Stockholm / Liverpool / Safed, 9. Juli 2026 — Eine internationale Studie in eBioMedicine zeigt, dass eine Testosterontherapie ohne dokumentierten Testosteronmangel mit einem langfristig erhöhten Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine erhöhte Sterblichkeit verbunden ist. Grundlage der Analyse sind Gesundheitsdaten von mehr als 350.000 Männern.

Jeder dritte Mann begann die Therapie ohne dokumentierten Nachweis eines Mangels
Die Testosterontherapie gehört weltweit zu den am häufigsten verordneten Hormonbehandlungen bei Männern. Aktuelle Leitlinien beschränken ihre Anwendung auf Männer mit bestätigtem Testosteronmangel. Dennoch wies in dieser Studie etwa jeder dritte Mann, der eine Testosterontherapie begann - rund 127.000 von 358.957 Männern - vor Therapiebeginn weder eine dokumentierte Hypogonadismus-Diagnose noch einen nachgewiesenen Testosteronmangel noch entsprechende klinische Symptome auf.
Nach statistischem Abgleich klinisch relevanter Merkmale beider Gruppen zeigte sich bei Männern ohne dokumentierten Nachweis eines Mangels ein Zehn-Jahres-Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse von 16,5 %, verglichen mit 11,8 % bei Männern mit dokumentiertem Hypogonadismus. Die Gesamtmortalität betrug 10,7 % gegenüber 6,0 % über zehn Jahre. Auch für ischämischen Schlaganfall, Herzstillstand und Herzinsuffizienz wurden erhöhte Risiken beobachtet. Ein negativer Kontrollausgang - akute Appendizitis, eine Erkrankung ohne plausiblen biologischen Zusammenhang mit Testosteron - zeigte keinen Zusammenhang, was die Spezifität der kardiovaskulären Befunde stützt.

Eine Studie, die als klinische Studie ethisch nicht durchführbar wäre
Das Forscherteam betont ausdrücklich, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt und dass die beobachteten Assoziationen keine Kausalität belegen. Verbliebene Störvariablen - darunter nicht erfasste Lebensstilfaktoren, Therapietreue, Dosis und Verordnungsumfeld - können nicht ausgeschlossen werden. Bedeutsam ist zudem, dass mehr als 90 % der Männer ohne dokumentierten Nachweis eines Mangels vor Therapiebeginn schlicht nie biochemisch untersucht worden waren - diese Gruppe spiegelt damit in erster Linie eine möglicherweise nicht leitlinienkonforme Verordnungspraxis wider.
„Diese Frage kann nicht durch eine randomisierte klinische Studie beantwortet werden“, sagt Professor Ralf Ludwig, korrespondierender Autor sowie Direktor am Lübecker Institut für Experimentelle Dermatologie (LIED) der Universität zu Lübeck und des UKSH. „Männer ohne bestätigten Mangel gezielt und langfristig mit Testosteron zu behandeln, wäre ethisch nicht vertretbar. Die retrospektive Analyse großer Realweltdaten ist daher der einzig realistische Weg, um diese Frage im erforderlichen Umfang zu untersuchen.“

Von der Doktorprüfung zur globalen Datenanalyse
Die Studie hat einen ungewöhnlichen Ursprung: Sie entstand im Kontext der mündlichen Promotionsprüfung von Dr. Hatim Kerniss, Kardiologe am Universitären Herzzentrum Frankfurt und Erstautor der Studie, dessen Prüfungskommission von Professor Ludwig geleitet wurde. Eine wissenschaftliche Diskussion über Lücken in der Evidenzlage zur kardiovaskulären Epidemiologie (während und nach der Verteidigung) mündete unmittelbar in eine gemeinsame Analysearbeit auf der TriNetX-Plattform für Realweltdaten und schließlich mehrere gemeinsame Projekt, unter andrem dieses.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit über vier Länder
Die Studie vereint Kliniker und Wissenschaftler aus Kardiologie, Endokrinologie, Epidemiologie und Dermatologie (letztere mit besonderer Expertise in der Methodik großer Realweltstudien). Das Team umfasst Einrichtungen in Deutschland (Universitäres Herzzentrum Frankfurt, UKSH/Universität zu Lübeck, Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung DZHK), Schweden (Karolinska Universitätsklinikum und Karolinska Institutet), Großbritannien (University of Liverpool, Liverpool University NHS Foundation Trust, Essex Cardiothoracic Centre) sowie Israel (Bar-Ilan-Universität).

Förderung
Die Studie wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert: Exzellenzcluster Präzisionsmedizin bei chronischer Entzündung (PMI, EXC 2167), Sonderforschungsbereichs PANTAU (SFB 1526), eines Einzelantrags an Professor Ludwig (LU 877/25-1), und das Exzellenz-Chair-Programm des Landes Schleswig-Holstein. Koautor Dr. Philip Curman wurde durch Region Stockholm gefördert.
Die Autoren sprechen sich für eine leitliniengerechte Diagnostik vor Therapiebeginn, eine engmaschige kardiovaskuläre Risikoüberwachung sowie weitere mechanistische Forschung aus, um die biologischen Grundlagen der beobachteten Muster besser zu verstehen.
 

Grafische Zusammenfassung der Forschung

Portraitfoto von einem Mann im Labor
© S. Klahn / Exzellenzcluster PMI

Prof. Ralf Ludwig,UKSH Campus Lübeck LIED -Lübecker Institut für Experimentelle Dermatologie Model Systems of Inflammatory Skin Diseases

Wissenschaftlicher Kontakt:

Original Publikation

Kerniss H, Curman P, Olbrich H, Kridin K, Francis R, Leistner DM, Alam U, Ludwig RJ. Off-label testosterone therapy is associated with higher long-term cardiovascular risk in men. eBioMedicine. 2026. DOI: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352396426002562

Über den Exzellenzcluster PMI

Der Exzellenzcluster „Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen / Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) startet 2026 in seine zweite Förderphase (2026–2032) und erhält damit bereits die vierte aufeinanderfolgende Förderung in der Entzündungsforschung. Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern hat gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Förderung im Rahmen der Exzellenzstrategie bewilligt.

Der Cluster knüpft an den erfolgreichen Vorgänger „Inflammation at Interfaces“ (2007–2018) sowie an die erste PMI-Förderperiode (2019–2025) an. In dem interdisziplinären Verbund engagieren sich rund 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus acht Trägereinrichtungen: die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, die Universität zu Lübeck, das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, das Forschungszentrum Borstel – Leibniz Lungenzentrum, die Muthesius Kunsthochschule, das Kiel Institut für Weltwirtschaft, das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik sowie das Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie.

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