Mikrobiomforschung: Navigationshilfe in der verwirrenden Welt des Nagoya-Protokolls

Internationales Autorenteam unter CAU-Beteiligung entwickelt Leitfäden für Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie Forschende, die ihnen die Beachtung des rechtlichen und regulatorischen Rahmens zur Nutzung der mikrobiellen Diversität erleichtern.

Die Vielfalt der Mikroorganismen auf der Erde ist unvorstellbar groß, man geht von rund einer Billion verschiedener mikrobiellen Arten aus. Die Mehrzahl davon ist noch nicht wissenschaftlich beschrieben und nur ein kleiner Bruchteil lässt sich bisher im Labor kultivieren. Diese weltweite, noch weitgehend unerschlossene genetische Ressource birgt ein gewaltiges Potenzial für Fortschritte in den Bereichen Medizin, ökologische Nachhaltigkeit, Landwirtschaft und industrielle Biotechnologie. Seit wenigen Jahrzehnten beschäftigt sich die Mikrobiomforschung damit, die Beziehungen zwischen Mikroben und vielzelligen Lebewesen zu entschlüsseln und damit Stück für Stück die Potenziale der mikrobiellen Diversität nutzbar zu machen.

Diese Vielfalt ist jedoch auf der Erde ungleich verteilt, die Hotspots mikrobieller Diversität liegen geografisch oft weit entfernt von den Orten ihrer Erforschung und Nutzung. In internationalen zwischenstaatlichen Abkommen der Vereinten Nationen (UN) wie dem Nagoya-Protokoll wird daher versucht, einen gerechten und rechtssicheren Rahmen für den Umgang mit dieser mikrobiellen Vielfalt zu schaffen und für einen Interessensausgleich zu sorgen. Damit folgt es dem 15. Nachhaltigkeitsziel der UN, das die Aufteilung der Vorteile, die sich aus der Nutzung genetischer Ressourcen ergeben, fördern soll. Dabei ist ein komplexes rechtliches und regulatorischen Umfeld entstanden, das unter anderem die Regulierung bestimmter Ökosysteme, die Biosicherheit, den Umgang mit Krankheitserregern und den Schutz geistigen Eigentums betrifft - für Forschende und politische Entscheidungsträgerinnen und -träger ist es gleichermaßen schwer zu überblicken. Ein internationales Autorenteam unter der Beteiligung von Professorin Mathilde Poyet und Professor Mathieu Groussin von der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, bietet dazu nun konkrete Orientierungshilfen für beide Zielgruppen an: In einer kürzlich erschienen Doppelpublikation in der Fachzeitschrift Sustainable Microbiology fassen sie in Bezug zur Mikrobiomforschung konkrete Leitfäden zum Umgang mit dem Nagoya-Protokoll und den damit verbundenen Regularien zusammen.
 

Das Nagoya-Protokoll und die Praxis

Das Nagoya-Protokoll ist ein völkerrechtlich bindendes Abkommen, das 2014 verabschiedet wurde. Es reguliert den Zugang zu genetischen Ressourcen und zielt auf einen sogenannten gerechten Vorteilsausgleich ab, das sogenannte Access and Benefit Sharing (ABS). Die Nutzenden zum Beispiel aus Forschung oder Wirtschaft sind dazu verpflichtet, die Zustimmung aus den Ursprungsländern des genetischen Materials einzuholen und entstehende Vorteile wissenschaftlicher oder kommerzieller Natur mit dem Ursprungsland zu teilen. „In der Praxis haben jedoch viele Forschende aus der Mikrobiologie nur eine vage Vorstellung davon, was das Nagoya-Protokoll verlangt - obwohl eine Nichteinhaltung erhebliche rechtliche Konsequenzen sowie weitreichende Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Ruf haben kann“, so Mitautorin Poyet, die die Global Microbiome Conservancy (GMbC)-Initiative in Kiel gemeinsam mit Groussin leitet.
 

Best Practice am Beispiel der Kieler Mikrobiomforschung

An der CAU bildet die Mikrobiomforschung seit vielen Jahren einen wichtigen Forschungsschwerpunkt. Ein zentraler Teil der verschiedenen Kieler Forschungsverbünde ist die GMbC-Initiative, die sich für die Erforschung und den Erhalt der gesamten Vielfalt des menschlichen Darmmikrobioms einsetzt. Herzstück des Projekts ist eine Biobank, deren Proben von mikrobiellem genetischem Material vor allem von unterrepräsentierten und nicht-industrialisierten Bevölkerungsgruppen rund um den Globus stammen. In Kooperation mit Forschenden aus rund 30 Ländern wollen die GMbC-Mitglieder insgesamt die globale Reichweite der Mikrobiomforschung erweitern, indem sie auf ethische Kooperationen und einen gerechten Datenaustausch setzen.

Damit ist die GMbC-Initiative zentral mit den Fragen des Nagoya-Protokolls konfrontiert und konnte dementsprechend eine langjährige praktische Expertise entwickeln. „Unsere   Probenahmen erfolgen nach standardisierten Protokollen, mit Einverständniserklärung und unter Einhaltung strenger ethischer Richtlinien und werden den Nagoya-Anforderungen vollständig gerecht. Unsere Arbeit dient dem langfristigen Erhalt der biologischen Vielfalt und zielt darauf ab, ethische Standards in der Mikrobiomforschung zu etablieren – diese Erfahrung möchten wir mit der internationalen Gemeinschaft der Mikrobiomforschenden teilen“, betont Groussin vom Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) an CAU und UKSH, Campus Kiel. Gemeinsam sind er und Poyet in verschiedenen Forschungskonsortien im Rahmen des CAU-Forschungsschwerpunkts Kiel Life Science (KLS) aktiv, darunter der Exzellenzcluster „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) und der Sonderforschungsbereich (SFB) 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“.
 

Richtlinien für Forschende und Entscheidungsträgerinnen und -träger

Gemeinsam mit einem internationalen Team des EU-finanzierten MICROBE-Konsortiums (MICRObiome Biobanking (RI) Enabler) haben Poyet und Groussin an einer neuen Reihe von Policy Briefings zum Nagoya-Protokoll mitgewirkt. Die Arbeit wurde von Forschern des Leibniz-Instituts DSMZ, der Deutschen Sammlung für Mikroorganismen und Zellkulturen, geleitet und umfasste Mitarbeitende aus verschiedenen Institutionen, darunter das Institut Pasteur in Paris, das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) und Helmholtz München. Die Briefings befassen sich mit häufigen Missverständnissen und praktischen Herausforderungen, die bei der Einhaltung des Nagoya-Protokolls entstehen können. Was Forschende betrifft, sind diese in erster Linie darauf zurückzuführen, dass man sich beim Zugang zu genetischen Ressourcen für Forschungszwecke in komplexen, fragmentierten und oft unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen zurechtfinden muss. Um hier Abhilfe zu schaffen, hat das Autorenteam eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Umsetzung des Nagoya-Protokolls erarbeitet. „Wir stellen drei Fallstudien vor, um Erfahrungen aus der Praxis zu veranschaulichen und bieten Leitlinien für bewährte Verfahren im Bereich des Zugangs- und Vorteilsausgleichs, die gleichzeitig den Erhalt der biologischen Vielfalt, eine gerechte Zusammenarbeit und nachhaltige Innovation fördern“, so Poyet.

Auch politische Entscheidungsträgerinnen und -träger sind in diesem Rahmen mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, die sich vor allem um die Schaffung von Rechtssicherheit, den Ausgleich der unterschiedlichen Interessen der Beteiligten und die technische Komplexität der Umsetzung internationaler Normen auf nationaler Ebene drehen „Unser Policy Briefing bietet insbesondere politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern einen prägnanten Leitfaden zu den Vorschriften, zusammengefasst in einer grafischen Übersicht, um denjenigen, die an der Schnittstelle zwischen Entscheidungsfindung und Praxis stehen, mehr Klarheit und Verständnis zu vermitteln“, so Poyet. „Insgesamt wollen wir mit unseren neuen Veröffentlichungen die Anwenderinnen und Anwender aus Forschung und Politik unterstützen und damit eine ‚korrekte‘ Anwendung des Nagoya-Protokolls fördern. Damit wollen wir zur Entwicklung ethischerer Forschungspraktiken beitragen, die die Rechte und Interessen der Ursprungsgemeinschaften und -nationen der mikrobiellen Diversität berücksichtigen und dabei den übergeordneten Zielen der Förderung der Mikrobiomforschung und der globalen Nachhaltigkeitsagenda gleichermaßen dienen“, fasst Groussin zusammen. 

Weitere Informationen:

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Mathilde Poyet
Sektion Evolutionäre Medizin, Institut für Experimentelle Medizin
UKSH/Medizinische Fakultät der CAU
0431-500 -15140
m.poyet@iem.uni-kiel.de
mmmicrobiomelab.org

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Mathieu Groussin
Genomics and Functions of Host Microbiome Systems, Leitung
Institut für Klinische Molekularbiologie, UKSH/
Medizinische Fakultät der CAU 
0431-500 -15198
m.groussin@ikmb.uni-kiel.de 
mmmicrobiomelab.org

Pressekontakt:

Christian Urban
Wissenschaftskommunikation
„Kiel Life Science", CAU
0431-880-1974
curban@uv.uni-kiel.de

Doppelportrait
© privat/Mathieu Groussin/Fotostudio Renard

Prof. Mathilde Poyet und Prof. Mathieu Groussin von der CAU veröffentlichten gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Leitfäden zum Umgang mit dem Nagoya-Protokoll und den damit verbundenen Regularien.

Petrischalen
© Leibniz-Institut DSMZ

Die Vielfalt der Mikroorganismen auf der Erde birgt eine noch weitgehend unerschlossene genetische Ressource mit einem großen Potenzial für Fortschritte in den Bereichen Medizin, ökologische Nachhaltigkeit, Landwirtschaft und industrielle Biotechnologie.

Kopie Nagoya-Protokoll
© Davide Faggionato, Leibniz-Institut DSMZ

Das 2014 ratifizierte Nagoya-Protokoll ist ein völkerrechtlich bindendes Abkommen, das den Zugang zu genetischen Ressourcen reguliert und auf einen gerechten Vorteilsausgleich abzielt.

Konferenz
© Mike Muzurakis, IISD/ENB

Die nun veröffentlichten Policy Briefings zum Nagoya-Protokoll sind im Rahmen des EU-finanzierten MICROBE-Konsortiums entstanden, an dem Poyet und Groussin beteiligt sind.

Originalarbeiten:

Faggionato D, Muñoz-García M, Kostic T, Ferrari ML, Vonaesch P, Poyet M, Portier P, Ryan MJ, Djeddour D, Stumptner C, Varese GC, Zuzuarregui A, Groussin M, Schloter M, Finn RD, Haas AS, Probert I, Verkley G, Overmann J, Scholz AH. Policy Briefing: from access to use—untangling the international legal frameworks that govern microbial resources. Sustainable Microbiology. Volume 3, Issue 1, 2026, qvag005.DOI:10.1093/sumbio/qvag005

Faggionato D, Muñoz-García M, Kostic T, Ferrari ML, Vonaesch P, Poyet M, Portier P, Ryan MJ, Djeddour D, Stumptner C, Varese GC, Zuzuarregui A, Groussin M, Schloter M, Finn RD, Haas AS, Probert I, Verkley G, Overmann J, Scholz AH. Policy in practice: How to do the Nagoya Protocol: common misconceptions, challenges and best practices for access and benefit-sharing compliance. Sustainable Microbiology. Volume 3, Issue 2, 2026, qvag007. DOI:doi.org/10.1093/sumbio/qvag007 
 

Über Kiel Life Science (KLS)

Das interdisziplinäre Zentrum für angewandte Lebenswissenschaften – Kiel Life Science“(KLS) – vernetzt an der CAU Forschungen aus den Agrar- und Ernährungswissenschaften, den Naturwissenschaften und der Medizin. Es bildet einen von vier Forschungsschwerpunkten an der Universität Kiel und will die zellulären und molekularen Prozesse besser verstehen, mit denen Lebewesen auf Umwelteinflüsse reagieren. Im Mittelpunkt der Forschung stehen Fragen, wie sich landwirtschaftliche Nutzpflanzen an spezielle Wachstumsbedingungen anpassen oder wie im Zusammenspiel von Genen, dem individuellen Lebensstil und Umweltfaktoren Krankheiten entstehen können. Gesundheit wird dabei immer ganzheitlich im Kontext der Evolution betrachtet. Unter dem Dach des Forschungsschwerpunkts sind derzeit rund 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 40 Instituten und sechs Fakultäten der CAU als Vollmitglieder versammelt.

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