Deutsche Autoimmun-Stiftung zeichnet zwei Wissenschaftler des Kieler Exzellenzclusters PMI aus
Deutsche Autoimmun-Stiftung verleiht den Nils-Ilja-Richter-Preis an Prof. Andre Franke für eine wegweisende Studie zur Rolle des Epstein-Barr-Virus bei einer seltenen Lebererkrankung – und fördert mit einem Forschungsstipendium einen innovativen Therapieansatz gegen Autoimmunerkrankungen der Haut.
- Pressemitteilung des Exzellenzclusters PMI -
Deutsche Autoimmun-Stiftung verleiht den Nils-Ilja-Richter-Preis an Prof. Andre Franke für eine wegweisende Studie zur Rolle des Epstein-Barr-Virus bei einer seltenen Lebererkrankung – und fördert mit einem Forschungsstipendium einen innovativen Therapieansatz gegen Autoimmunerkrankungen der Haut.
Mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Autoimmunerkrankung – Zustände, bei denen das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift, oft über Jahre oder Jahrzehnte, ohne dass eine ursächliche Behandlung möglich ist. Die Deutsche Autoimmun-Stiftung (www.autoimmun.org) hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau das zu ändern: Sie fördert Forschung, die neue Wege in der Diagnostik und Therapie von Autoimmunerkrankungen öffnet. Bei einer Feierstunde am 27. April 2026 auf dem UKSH Campus Kiel wurden zwei Wissenschaftler des Exzellenzclusters Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI) ausgezeichnet, deren Arbeiten diesen Anspruch einlösen.
Ein Virus als möglicher Auslöser – neue Perspektive auf eine rätselhafte Lebererkrankung
Die primär sklerosierende Cholangitis, kurz PSC, ist eine seltene Erkrankung der Gallenwege, die schleichend voranschreitet: Die Gallenwege entzünden sich, vernarben und verlieren ihre Funktion – bis hin zur Leberzirrhose. In schweren Fällen bleibt die Lebertransplantation als einzige Option. Was die Erkrankung auslöst, war lange unklar.
Prof. Andre Franke, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, hat mit seinem Team nun einen möglichen Schlüssel gefunden. In einer in Nature Medicine veröffentlichten Studie – der bislang größten Immunrepertoireanalyse zur PSC – untersuchten die Forschenden mehr als 1.400 Personen und identifizierten Immunzellen als auch Antikörper, die spezifisch auf das Epstein-Barr-Virus (EBV) reagieren und die bekannten genetischen Risikofaktoren der PSC – an dessen Identifikation Franke in den Jahren davor arbeitete – mit einbeziehen. Ergänzende Analysen elektronischer Gesundheitsdaten von über 116 Millionen Menschen zeigten: Wer das Pfeiffersche Drüsenfieber – eine akute EBV-Infektion – durchgemacht hat, erkrankt deutlich häufiger an PSC. Die Studie legt nahe, dass EBV-reaktive Immunzellen durch molekulare Mimikry körpereigenes Gallengangsgewebe angreifen könnten – ein Befund, der neue diagnostische Marker und gezielte Therapieansätze eröffnet.
„Wir wissen seit Langem, dass bestimmte genetische Varianten das PSC-Risiko erhöhen – aber warum, das blieb unklar. Unsere Daten deuten nun darauf hin, dass eine frühere EBV-Infektion das Immunsystem so prägen und beeinflussen kann, dass es später körpereigenes Gallengangsgewebe angreift. Das ist ein erster, wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer gezielten Therapie für eine Erkrankung, bei der wir bislang kaum etwas anbieten können“, sagt Prof. Franke.
Für diese Arbeit erhält Prof. Franke den Nils-Ilja-Richter-Preis der Deutschen Autoimmun-Stiftung, der für herausragende Forschung zur Pathogenese und Therapie von Autoimmunerkrankungen vergeben wird. Aus zwölf hochkarätigen Bewerbungen wählte ein unabhängiges Gutachtergremium aus externen Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats seine Arbeit aus.
„Die Qualität der eingereichten Bewerbungen war außergewöhnlich hoch. Die Arbeit von Prof. Franke hat das Gutachtergremium überzeugt, weil sie nicht nur einen grundlegenden Mechanismus aufdeckt, sondern auch konkrete Ansätze für neue Therapien eröffnet – dies entspricht genau den Vorstellungen, die wir mit der Verleihung des Nils-Ilja Richter Preises verfolgen", sagt Prof. Dieter Kabelitz, Vorsitzender der Deutschen Autoimmun-Stiftung.
Präziser gegen Autoimmunerkrankungen – ein maßgeschneiderter Antikörper soll nur die krankmachenden Immunzellen ausschalten
Viele Therapien gegen Autoimmunerkrankungen greifen tief ins Immunsystem ein – mit erheblichen Nebenwirkungen. Ein neuer Ansatz setzt präziser an: Statt das gesamte Immunsystem zu bremsen, sollen nur jene B-Zellen eliminiert werden, die fälschlicherweise Antikörper gegen den eigenen Körper produzieren und damit Krankheiten wie die Epidermolysis bullosa acquisita (EBA) auslösen. Bei der EBA richten sich diese fehlgeleiteten Antikörper gegen Kollagen Typ VII, einen Baustein der Hautverankerung, und lösen eine Entzündungsreaktion aus, die die Haut von innen zerstört und zu großflächiger Blasenbildung führt.
Dr. Leon Schmidt-Jiménez vom Lübecker Institut für Experimentelle Dermatologie (LIED) am UKSH Lübeck entwickelt dafür maßgeschneiderte Antikörperkonstrukte, die gezielt jene krankmachenden Immunzellen erkennen und T-Zellen des Immunsystems zu ihrer Eliminierung rekrutieren. In präklinischen Studien im Mausmodell konnte das Konzept bereits erfolgreich erprobt werden. Der Ansatz besitzt potenziell weitreichende Bedeutung: Prinzipiell ließe er sich auf andere Autoimmunerkrankungen übertragen, bei denen das auslösende Antigen bekannt ist.
Für die nächste Phase seiner Forschung erhält Schmidt-Jiménez das Kurzzeit-Forschungsstipendium der Deutschen Autoimmun-Stiftung, das ihm einen Forschungsaufenthalt am Department of Dermatology des Rush University Medical Center in Chicago ermöglicht, wo Prof. Kyle Amber das Modellsystem bereits in seinem Labor etabliert hat. Finanziert wird das Stipendium von Sanofi in Deutschland – als erstes von drei Stipendien, die das forschende Biopharmazeutische Unternehmen der Deutschen Autoimmun-Stiftung in den kommenden Jahren hierfür zur Verfügung stellt.
Mit seinem Ansatz der Immunoscience treibt Sanofi die Forschung und Entwicklung innovativer Therapien und Impfstoffe für Patientinnen und Patienten weltweit über ein breites Spektrum von Erkrankungen voran. Dazu zählt auch die Forschungsförderung im Bereich der Autoimmunerkrankungen.
Über die Deutsche Autoimmun-Stiftung
Die Deutsche Autoimmun-Stiftung (www.autoimmun.org) wurde 2012 gegründet und fördert den interdisziplinären Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Erforschung und Behandlung aller Autoimmunerkrankungen. Sie unterstützt die Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung und setzt sich für die Entwicklung innovativer Therapieformen ein. Die Stiftung finanziert sich ausschließlich über Spenden und Zuwendungen. Vorsitzender ist Prof. Dieter Kabelitz, ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie am UKSH Campus Kiel.
Deutsche Autoimmun-Stiftung zeichnet zwei Wissenschaftler des Kieler Exzellenzclusters PMI aus. Von links nach rechts: Prof. Kabelitz, Dr. Schmidt-Jimenez, Prof. Ludwig, Dr. Zerlin, Herr Richter, Prof. Franke, Prof. Fölsch
Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Dieter Kabelitz
Deutsche Autoimmun-Stiftung
Institut für Immunologie, UKSH Campus Kiel
dietrich.kabelitz@uksh.de
www.autoimmun.org
Originalpublikation:
ElAbd, H., Pesesky, M., Innocenti, G. et al.: T and B cell responses against Epstein–Barr virus in primary sclerosing cholangitis. Nat Med 31, 2306–2316 (2025). https://doi.org/10.1038/s41591-025-03692-w
Gross et al.: CD19×CD3 bispecific T cell engager treatment induces remission in experimental pemphigoid disease (2025), DOI: 10.1101/2025.09.09.675030
Über den Exzellenzcluster PMI
Der Exzellenzcluster „Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen / Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) startet 2026 in seine zweite Förderphase (2026–2032) und erhält damit bereits die vierte aufeinanderfolgende Förderung in der Entzündungsforschung. Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern hat gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Förderung im Rahmen der Exzellenzstrategie bewilligt.
Der Cluster knüpft an den erfolgreichen Vorgänger „Inflammation at Interfaces“ (2007–2018) sowie an die erste PMI-Förderperiode (2019–2025) an. In dem interdisziplinären Verbund engagieren sich rund 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus acht Trägereinrichtungen: die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, die Universität zu Lübeck, das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, das Forschungszentrum Borstel – Leibniz Lungenzentrum, die Muthesius Kunsthochschule, das Institut für Weltwirtschaft, das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik sowie das Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie.
Pressekontakt:
Exzellenzcluster PMI
Wissenschaftliche Geschäftsstelle
Christian-Albrechts-Platz 4
D-24118 Kiel
Sonja Petermann
+49 431 880-4850
spetermann@uv.uni-kiel.de





